Fortbildungs-Bausteine des IfG

A Die Schüler – Lehrer - Beziehungen

Die Basis für ein faires Miteinander ist die Zeit des Unterrichts. Es muss gewährleistet sein, dass das Miteinander-Arbeiten und -Lernen fair und respektvoll abläuft. Die Regeln, die das Team der Lehrenden entwickelt hat, sind einzuhalten wie in jedem Fußballspiel. Trainings der Lehrerschaft umfassen folgende Teilbausteine:

A01: Rollenbewusstheit

Lehrer haben drei Haupt-Rollen zu erfüllen: Die des Trainers, die des Schiedsrichters und die des Punkterichters. Aus der ungenügenden Bewusstheit und Unklarheit über Umfang, Kompetenzen und Wichtigkeit dieser Rollen resultieren die meisten Gewaltphänomene an einer Schule. Vor und in jeder Disco sichert eine "security" mit klaren Regeln das Zusammensein – von allen Jugendlichen respektiert. Das Ziel unserer Trainings besteht in der differenzierten Schulung der Lehrer in der Schiedsrichterrolle – ohne dass die Trainer oder Punkterichter in ihnen dies als Affront ihrer Arbeit begreifen ("was, dafür haben wir aber keine Zeit !!!") . Nur wenn das Verletzen von Regeln vom Schiedsrichter sofort geahndet wird, ist Lernen im fairen Zusammenspiel möglich.

A02: Regeln des Zusammen-Lernens

In jedem Klassenraum sollten die wichtigsten Spielregeln des Spiels „Unterricht“ als Plakat an der Wand hängen. Sie werden von den Lehrenden einer Schule zusammen entwickelt und in ihren Feinheiten definiert. Dazu gehört eine Hierarchie von Maßnahmen bei Regelverletzungen, die der Schülerschaft mit den Regeln zusammen mitgeteilt werden Die Hierarchie der Maßnahmen wird in der Lehrerschaft interkollegial abgeglichen, so dass die Schüler sich einheitlich ("gerecht") behandelt fühlen. Wir leiten dazu an, Fach- und Klassenkonferenzen in besonderem Maße für diesen Abgleich von je spezifischen, dabei aber einheitlichen Vorgehensweisen zu nutzen.

A03: Gelbe und rote Karten

"Die kann sich ja nicht durchsetzen" ist eine intern häufig geäußerte Floskel der Schülerschaft, mit der sie Chaos und Gewalt rechtfertigt. In der Tat fehlt hierfür vielfach die Ausbildung in Studium und Referendarzeit.

Viele Lehrer haben Scheu vor dem Ziehen von "Sanktionskarten" – in dem Glauben, das sei ihnen als Akademikern nicht gemäß, oder in einem Loyalitätszwang zu "kreativer und freiheitlicher" Kindererziehung. Wir erarbeiten mit der Schule eine differenziert abgestufte Hierarchie von Interventionen bei Störungen und Sanktionen bei verbaler und körperlicher Gewalt. Die Ordnungsmaßnahmen, die das neue Schulgesetz bereithält, werden in diese Hierarchie mit integriert, so dass ihre Anwendung selbstverständlich und vereinfacht (seit August 2006) praktizierbar ist. z.B. muss eine Überweisung in eine parallele Lerngruppe etwa bei "2 roten Karten" so selbstverständlich sein wie ein Platzverweis bei der WM. Wir trainieren Lehrerinnen und Lehrer so, dass das Entstehen eines Machtvakuums innerhalb einer Stunde die Ausnahme bleibt. Ein klarer "Spielauftrag" für die Stunde sichert den Lehrenden Raum für die Schiedsrichterrolle.


 

B Die Lehrer – Schüler – Beziehungen

Ein faires Miteinander entsteht andererseits erst dann, wenn die Lehrenden die Schülerinnen und Schüler in ihrer jeweiligen Persönlichkeit respektieren, sie weder über- noch unterfordern und ihnen Respekt im Hinblick auf ihre Persönlichkeit und ihre Grundsozialisation entgegenbringen. Trainings der Lehrerschaft umfassen hierzu folgende Bausteine:

B 01: Abbau struktureller Gewalt

Der Ort Schule als Lernkaserne ist auf vielfältige und subtile Weise geprägt von struktureller Gewalt, die vom "Lehrpersonal" gesichert wird. Schüler erleben die vielfältigen Einschränkungen - vom "Bewegungsmonopol des Lehrers" über das Trinkverbot bis hin zu geheimen Prinzipien der Leistungsbewertung - als gewaltsamen Eingriff in ihrer sonst so selbstverständlichen Freiheiten, so dass Konflikte schon dadurch unvermeidlich sind. Wir erarbeiten mit der Schule die schulspezifische Neueinstellung der Aspekte struktureller Gewalt: so wenig wie möglich, aber auch so viel wie nötig.

B 02: Notenberatung

Schüler sollten ausreichend Informationen über das Entstehen von Noten haben und mindestens zweimal im Schuljahr zu ihren Notenständen von jedem Fachlehrer / Fachlehrerin aktiv beraten werden. Zu Recht wünschen sie sich faire Chancen für das Verbessern von Noten und Hinweise darauf, wie sie das konkret bewerkstelligen könnten. Zur individuellen Förderung gehört auch das gezielte Hinweisen auf ihre individuellen Möglichkeiten, Leistung zu erbringen (Portfolios, Referate, Präsentationen, praktische Übungen u.ä.).

B 03: Erkennen psychisch belasteter Schüler

Lehrer haben nicht nur die Pflicht, ihre Schüler in regelmäßigen Abständen über den Leistungsstand zu informieren, sie sollten auch ein Augenmerk auf psychische Belastungen einzelner haben. Wir vermitteln Handwerkszeug im Erkennen von solchen Belastungen, die ein kurzes Gespräch mit dem Schüler oder auch ein Elterngespräch nahe legen. Ggf. ist auf das Wirken eines ausgebildeten psych. Beratungslehrers hinzuwirken.

B 04: Psychologischer Beratungslehrer – Training und Einsatz

Das Schulgesetz erlaubt jeder Schule das Wirken eines psychologischen Beratungslehrers mit einer Entlastungsstunde pro 200 Schüler. Wir prüfen mit der Schulleitung, ob ggf. hierfür ein Bedarf besteht und wie hierfür Kompetenz bereit zu stellen wäre. Der Beratungslehrer arbeitet NICHT als Therapeut, sondern nur als einfühlsamer Berater – v.a. auch in Richtung professioneller Therapeuten. Er wird aber nach und nach der Ansprechpartner aller Klassenleiter, die ihm Schüler mit Belastungen zuweisen. Denn Einzelgespräche mit allen Schülern, die ein Gespräch brauchen, wird er nicht führen können.


 

C Die Schüler- Schüler-Beziehungen

Die Fairness des Miteinanders der Schüler untereinander leidet besonders in den Pausen, auf dem Nachhauseweg -- und oft auch in den Chaträumen am Nachmittag. Hier bieten wir Trainings mit ganzen Klassen an – wobei die Klassenleiter Basiskompetenzen des gruppendynamischen Arbeitens lernen. Sinnvoll ist dabei gelegentlich die projektbezogene Aufhebung der Koedukation (getrenntes Arbeiten z.B. von zwei Klassen oder einer Stufe): Jungenarbeit / Mädchenarbeit.

C 01: Regeln des Zusammenlebens / Grenzen

Schüler brauchen meist Hilfe, um IHRE Regeln eines fairen Miteinanders festzulegen und ihre Einhaltung zu garantieren. Wir trainieren dies mit dem Klassenlehrer ein. Ausgehend von der Situation in der Klasse können soziale Spielregeln und respektvoller Umgang erarbeitet werden. In Nischen des Stundeplans schaffen wir Raum für den „Klassenrat“, in dem die Schüler lernen, aufeinander zu achten.

Wir zeigen Vorgehensweisen, um die Gruppenstruktur einer Klasse transparent machen und mit Gruppenkonflikten, Außenseitern oder Mobbingopfern zu arbeiten. Dazu gehört manchmal auch, Schüler anzuleiten, sich gewaltfrei und konstruktiv abzugrenzen. Wichtig ist andererseits, aggressives Verhalten gegenüber Mitschülern konstruktiv zu konfrontieren und prosoziale Schüler anzuerkennen. Dadurch können nach und nach Schüler für das soziale Klima in der Klasse Verantwortung übernehmen und es positiv beeinflussen. So werden Kompetenzen wie Selbstverantwortung, Problemlösekompetenz und Selbstregulation in der Klasse gefördert. Durch solche Partizipationsprozesse wird das Gemeinschaftsgefühl, der Zusammenhalt und die Identifikation mit der Einrichtung gestärkt.

C 02 Konfliktintelligenz: Aikido und Chi-gong im Sportunterricht

Der ideale Ort für das Eintrainieren eines fairen Miteinanders der Schülerschaft untereinander ist der reguläre Sportunterricht. Unsere Trainerinnen und Trainer arbeiten mit einer Klasse (und dem Sportlehrer(in) der Klasse) über mehrere Wochen. Das Training umfasst:

1. Wahrnehmung/ Unterscheidung von Gefühlen: die Schüler lernen/erfahren eine Körperintelligenz, die ihnen hilft, sich selbst und andere und deren Gefühle wahrzunehmen

2. Interpretation der Wahrnehmung/ Empathie: die Schüler lernen empathisches Verhalten, indem sie lernen, die eigenen Gefühle und die Gefühle von anderen Menschen zu unterscheiden und zu respektieren.

3. Aufzeigen und erweitern des Handlungsrepertoire/ Entwickeln von Problemlösungskompetenzen: die Schüler lernen durch die Schulung der Körperintelligenz, dass es für jede Situation vielfältige Handlungsmöglichkeiten gibt und können so leichter Lösungsmöglichkeiten in Konfliktsituationen finden und Kompromisse aushandeln.

Besondere Aspekte sind:

Hilfe holen: die Schüler lernen, dass es wichtig und stark ist, sich Hilfe zu holen und wo sie Hilfe bekommen können

Geheimnisse: die Schüler lernen zwischen „guten“ und „schlechten“ Geheimnissen zu unterscheiden und dass man die schlechten Geheimnisse weitererzählt -> sich Hilfe holt!

Selbstbestimmungsrecht: die Schüler lernen, dass es Ihr Recht ist zu bestimmen, wer mit Ihnen spielt, sie anfasst (Spaßkämpfe – bei Jungen)!

Grenzen setzen: Kinder lernen „Stopp“ oder auch deutlich „Nein“ zu sagen und dass jedes Nein akzeptiert werden muss!

C 03: Zivilcourage-Trainings (für Mädchen)

In besonderen Fällen ist es sinnvoll, Mädchen untereinander Courage trainieren zu lassen: Gewalt ist Ausdruck gestörter Beziehungen - sei es zu sich selbst, innerhalb der Familie, in der Gesellschaft oder interkulturell. Wir zeigen, welche konstruktiven weiblichen Möglichkeiten und Wege es im Umgang mit Aggressionen und Ängsten gibt und wie Angst und Schamgefühle in Mut und Handlungssicherheit zu verwandeln sind. Wir trainieren das Erkennen von Handlungsalternativen, das Überwinden von Sprachlosigkeit und das angemessene Sich-Verbünden. Ein weiteres Augenmerk liegt auf dem Einüben von Wachsamkeit und Präsenz, um schon im Vorfeld möglichst nicht in bedrohliche Situationen zu kommen. So wird für Mädchen aus diesem Training eine allgemeine Lebenskompetenzförderung.

C 04: Coolness-Training (für Jungen)

Jungen wollen (fast immer) ihre körperliche Kraft erproben. Dazu brauchen sie Freiräume in einem männlichen Umfeld – das was oft schon zu Hause fehlt / gefehlt hat -, um sie nach Regeln einsetzen zu lernen. Wir stellen Trainerkompetenz bereit, die dies zunächst an einem besonderen Trainingstag mit der Gruppe der Jungen einübt. Diesem körperbezogenen Sich-Begegnen in Respekt steht das Ablehnen von respektlosen Provokationen gegenüber, die zu Gewalt einladen. Hier brauchen Jungen Anleitung, wie sie cool bleiben können, wenn andere sie provozieren wollen. Die Neuausrichtung des Männlichkeits-Ideals ist Teil dieser Trainingseinheit.

C 05: Mobbingprävention und –intervention / Buddys

Abstand-Haben-Wollen zu anderen und Ausgrenzen-Wollen sind so zu differenzieren, dass eine Schülergruppe begreift, wie das eine dann in das andere umschlägt, wenn wertfreies Abstand-Gewinnen-Wollen nicht selbstverständlich oder nicht gewollt ist. Hier ist - z.B. durch Aufstellungen – durch Sichtbarmachen und Überziehen von internen Gruppenstrukturen zunächst ein Bewusstsein von Andersartigkeit so zu schaffen, dass sie nicht durch latent gewaltsame Ausgrenzung überkompensiert werden muss. Falls nötig sind einzelne Schüler auf Ausgrenzungsmechanismen in ihrem Familiensystem aufmerksam zu die sie in der Klasse reaktualisieren.

C 06: Interkulturelle Identitäten

Andersartigkeit zu akzeptieren fällt auf der interkulturellen Ebene meist besonders schwer. Hier brauchen oft die am Schulort Nicht-Verwurzelten zunächst einmal Unterstützung in der "Rechtmäßigkeit" ihres Wertesystems. Erst wenn sie Gelegenheit bekommen, es in allen Details – auch der dahinter stehenden Glaubenssätze – vorstellen zu können, kann ein Dialog beginnen, der Veränderung des anderen zunächst einmal ausschließen muss. Auch die hier Verwurzelten sind auf die Brisanz mancher ihrer Glaubenssätze aufmerksam zu machen, die ihnen oft gar nicht bewusst ist. Das Einüben der zeitweisen Illoyalität zu den jeweiligen Familiensystemen als Weg zu einem integrierten Miteinander braucht längerfristige Begleitung, wenn Gewalt als Ausdruck der Missachtung der Werte anderer vermieden werden soll.

C 07: Mediation / Streitschlichtung

Schüler lernen, miteinander fair zu streiten – auch, indem sie erkennen, aus welcher Quelle innerhalb der eigenen Familie ihre Normen und Wertehaltungen kommen. So gelingt es ihnen, Konflikte gewaltarm auszutragen. Lehrer/-innen können diese Methode sowohl selbst einsetzen, als auch Schüler darin ausbilden, die dann als Konfliktlotsen oder Schülerstreitschlichter arbeiten. Schüler brauchen Führung, um solche sozialen Kompetenzen zu erlangen, die später genauso wichtig sind, wie gute Noten. Aktuelle Artikel belegen immer wieder, dass nicht unbedingt die Absolventen mit den guten Noten genommen werden, sondern die mit dem ausgewogenen Sozialverhalten im Hinblick auf zu entwickelnde Führungskompetenzen.

C 08: Antibullying nach Olweus

Diese an vielen Schulen erprobte (und von der Polizei empfohlene) Methode bearbeitet gewaltsame Schüler-Schüler-Konflikte so, dass die Beteiligten zum unmittelbaren Verfassen eines Protokolls des Vorfalls veranlasst werden. Hierfür werden separate Räume und (nachzuholende) Unterrichtszeit bereitgestellt. Die Protokolle (und ev. ein Protokoll eines "Lehrer-Zeugens") werden den Elternhäusern von Täter und Opfer übersandt. Wir trainieren die Lehrerschaft in der Implementierung und Anwendung dieses Konzeptes.

C 09: Täter-Opfer-Ausgleich

Bei einseitiger Gewalt, wozu auch Sachbeschädigungen zählen, hat sich der schulische Täter-Opfer-Ausgleich bewährt. Hier lernen Schüler wie sie sich selbstbewusst aber gewaltfrei wehren und Wiedergutmachungen einfordern können. Auch die Förderung von Einfühlungsvermögen auf Seiten der Aggressoren und die Konfrontation ihrer Rechtfertigungsstrategien wird trainiert.


 

D Die Lehrer – Lehrer – Beziehungen

Gewaltprävention innerhalb des Systems einer Schule funktioniert dann am besten, wenn Kompetenzen und Hierarchiestandorte innerhalb eines Kollegiums klar festgelegt sind.

D 01: Leadership für Klassenleiter(innen)

Um in einer Klasse eine konstruktive Arbeitsatmosphäre und von allen akzeptierte Werte zu verankern, muss er/sie nicht nur die Klasse souverän führen können, sondern auch im Team mit Kolleginnen und Kollegen wirkungsvolle Regeln des Zusammen-Arbeitens entwickeln und sich auf einheitliche Vorgehensweisen und Konsequenzen bei Regelverletzungen einigen. Er sollte auch beim Verhängen von Sanktionen Kommunikationsstrukturen in seinem Team flexibel und zeitnah nutzen können.

D 02: Leadership für die Schulleitungsspitze

Flache Hierarchien sind zwar "in", eignen sich aber schlecht für große Systeme (Schulen mit großen Schülerzahlen). Wir zeigen den Sinn, ja die Notwendigkeit von "steileren" Hierarchien, die den "Mittelbau" (Klassenleiter, Fachgruppenvorsitzende) stärker in die Verantwortung mit einbeziehen ("cooperative learning"). Nicht nur das gemeinsame Erarbeiten einer klaren Zielsetzung tut Not, hinzukommen muss auch der Gebrauch zielführender Leitungsinstrumente. So entsteht "dialogische Führung" als Kompromiss zwischen autoritären und laissez-faire Führungsstilen.

D 03: Burnout - ersten Anzeichen entgegensteuern

Für viele ist die Belastung durch die Schiedsrichterrolle so groß, dass sie – meist nach einigen Jahren – Burnout-Symptome (oder ihre Vorboten) entwickeln. Wir klären mit einzelnen (beihilfefähig), ob dies der Fall ist, und welche therapeutischen Maßnahmen zu treffen sind. Im Einzelcoaching beraten wir in Richtung einer leistungsfähigen Reorganisation der dreifachen Rollenkompetenz (Methoden der systemischen (Familien)Therapie, der Stressbewältigung und der DeHypnotherapie).

Dr. Rüdiger Stellberg
Oderlandstr. 15
41564 Kaarst
Tel.: 02131 / 477762
dr.stellberg@t-online.de
 
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